Eine Einführung in den Daoismus & Die Frage nach dem Qi

-Vorspann-

Wie können wir etwas verstehen, was in einer ganz anderen Zeit und Denkkultur, als die unsrige, seine Wurzeln hat?

Indem wir erkennen, wie wir hier die Welt beschreiben und Phänomene in ihr erklären. Und natürlich den Unterschied in der Art und Weise, wie es die Chinesen gemacht haben, als sie von Qi, im ursprünglichen/daoistischen Sinne, sprachen.

„Die Weisheit des Lebens besteht im Ausschalten der unwesentlichen Dinge.“

Wir lernen von klein auf, die Welt anhand ihrer Manifestation zu beschreiben. Wir als Beobachter betrachten Objekte, welche sich ganz klar anhand ihrer Trennung zu anderen Objekten ausmachen. Zum Beispiel gibt es einen klaren Unterschied zwischen einem Apfel und einer Teetasse. Anhand verschiedener Faktoren, wie Funktion, Inhaltsstoffe, Aussehen, Größe etc., ist klar, wo und wie genau sich diese beiden „Dinge“ von einander abgrenzen und wie sie zu gebrauchen sind.

Der daoistische Ansatz unterscheidet sich grundlegend von unserer „westlichen“ Art und Weise, die Welt zu beschreiben. Hier steht die Relativierung dieser scheinbar objektiven Realität im Mittelpunkt. Das Beobachten der Natur und all ihrer Abläufe dienten als Grundlage für Konzepte wie Yin-Yang, Qi und Wu Xing.

"Ohne die Kälte und Trostlosigkeit des Winters gäbe es die Wärme und die Pracht des Frühlings nicht.“

Warum ist es aber überhaupt sinnvoll sich damit auseinanderzusetzen?

Um Konzepte und Methoden gut zu verstehen, brauchen wir den dazugehörigen Kontext! Kung Fu, Qigong und Chinesische Medizin basieren auf einem ganz bestimmten Blick auf die Welt. Die Ansätze, die sich in den verschiedenen Techniken und Behandlungsweisen finden lassen, drücken dieses Weltverständnis aus und würden verkommen zu bloßen Geschicklichkeitsübungen und Praktiken ohne Inhalt und Wert, wenn wir diesen Grundbezug weglassen würden.

Gucken wir uns diesen Ansatz nun genauer an:

Quelle: www.andreas-kuehne.com

1. Daoistisches Prinzip (Grundsätzliche Gleichzeitigkeit zwischen Sein und Nicht-Sein)

Der oben beschriebene Apfel soll uns als Hilfe dienen, dieses erste Prinzip zu verdeutlichen. Ein Apfel benötigt Grenzen, um sich von anderen Dingen (wie beispielsweise der Teetasse) abzugrenzen. Dadurch können wir erkennen, wo er beginnt und wo er endet. Das ist einleuchtend, oder?! Aber hier geht es noch weiter.

Wenn dieser Apfel zu wenig Begrenzung hätte, dann wäre er mehr mit der Umwelt verbunden (mit allem was nicht Apfel ist). Wir würden dazu sagen: „Der Apfel wäre dann zu viel Nicht-Apfel.“

Wäre der Apfel andererseits zu viel begrenzt bzw. wäre diese Begrenzung absolut wahr, könnte es keine Interaktion mit der Umwelt geben. Er könnte nicht wachsen und wir könnten ihn somit auch nicht essen. Aus Sicht eines absoluten Apfels (ohne Interaktion zur Umwelt) gäbe es demzufolge kein Außerhalb seiner selbst. Er würde sich nicht im Verhältnis zu anderen Dingen sehen und wäre unendlich groß, er wäre ALLES. Wenn der Apfel wirklich ALLES wäre, wäre er absolut verbunden (→denn die Begrenzung würde sich selbst aufheben durch die Absolutheit) und wir könnten ihn nicht wahrnehmen, geschweige denn essen.

Was sagt uns das?

→ Alles was existiert ist begrenzt (SEIN) und verbunden (NICHT-SEIN) zu gleichen Zeit.

→ Jetzt ist diese Erkenntnis wenig praktikabel. Wir könnten also nur feststellen, dass jedes Phänomen sowohl da ist, als auch nicht, zur gleichen Zeit. Wir brauchen das nächste Prinzip, um es für uns nutzbarer zu machen.

„Der Sinn, der sich aussprechen lässt,

ist nicht der ewige Sinn.

Der Name, der sich nennen lässt,

ist nicht der ewige Name…“

- Dao De Jing, Vers 1

2. Daoistisches Prinzip (Das Prinzip der Kausalität)

Diese Gleichzeitigkeit von SEIN (Trennung) und NICHT-SEIN (Verbindung), welche im 1. Prinzip beschrieben wird, funktioniert natürlich nicht nur bei Obst, sondern bei allen Phänomenen (Krankheiten, Krisen, Emotionen etc.).

Im zweiten Prinzip geht es um die kausale Grundrichtung der Wandlung zwischen SEIN und NICHT-SEIN:

RELATIVES SEIN

Ein Apfel hängt am Baum. (Er ist (relativ) da, da er auch ein bisschen nicht da ist)

VERGEHEN

Der Apfel vergeht. Natürliche Richtung von SEIN zu NICHT-SEIN

RELATIVES NICHT-SEIN

Kein Apfel hängt am Baum. (Obwohl einer wachsen könnte)

WERDEN

Ein neuer Apfel wird. Natürliche Richtung von NICHT-SEIN zu SEIN

Alles was ist (Sein), wird vergehen. Und aus dem Nicht-Sein wird neues Werden.

„Was halb ist, wird ganz werden.

Was krumm ist, wird gerade werden.

Was leer ist, wird voll werden.

Was alt ist, wird neu werden.

Wer wenig hat, wird bekommen.

Wer viel hat, wird benommen…“

- Dao De Jing, Vers 22

3. Daoistisches Prinzip (Prinzip der Perspektive)

Was nun noch fehlt, ist der Bezugspunkt dieser Wandlungen, damit es für uns anwendbar wird. Der Bezug dieser Wandlungsphasen bezieht sich dabei immer auf Etwas oder auf Jemanden und zeigt auf, was in einer konkreten Situation relevant ist, und was gemacht werden muss!

Ein Beispiel: Eine Wiese soll sowohl von einem Holzfäller als auch von einem Maler beurteilt werden. Beide sehen scheinbar das Gleiche, bewerten es aber unterschiedlich. Der Holzfäller würde sagen, dass da nichts ist (keine Bäume zum Fällen), wohingegen für den Maler durchaus etwas da ist, was er künstlerisch festhalten möchte.

Die individuelle Position des Betrachters erzeugt unterschiedliche Verbindungs- und Trennungs-Absichten und Bewertungen. Er entscheidet, was für ihn gerade mehr da (SEIN) bzw. nicht da (NICHT-SEIN) ist.

Das Prinzip der Perspektive bringt uns dazu, dass wir sagen können: „Aus meiner Perspektive ist das jetzt gerade mehr da, als nicht-da.“

„Wenn auf Erden alle das Schöne als schön erkennen,

so ist dadurch schon das Häßliche gesetzt.

Wenn auf Erden alle das Gute als gut erkennen,

so ist dadurch schon das Nichtgute gesetzt.

Denn Sein und Nichtsein erzeugen einander.

Schwer und Leicht vollenden einander…“

- Dao De Jing, Vers 2

4. Daoistisches Prinzip (Relativierung der Perspektive)

Mein Standpunkt, meine Perspektive kann aber nicht absolut sein und ist somit veränderbar - genauso wie mein ganzes System. Unser System ist immer getrennt und gleichzeitig verbunden mit unserer Umgebung. Daher ist das Prinzip der Perspektive genau zwischen der Ebene der Verbindung (Nicht-Sein) und Werden zu finden (siehe Abbildung). Mein System ist genau an der Stelle offen genug, um äußere Einflüsse zuzulassen und mein neues Werden entsprechend zu beeinflussen.

Wie hilft uns das jetzt bei der Frage nach dem „Qi“?

Wir wissen also, dass alle Dinge sich in einem ständigen WERDEN, WIRKEN und VERGEHEN befinden - sie sind im Wandel (im Fluss). Diesen Zusammenhang aller Dinge beschreibt das Konzept „Qi“.

Wenn wir uns davon lösen können, dass es in der Welt nicht nur quantifizierbare Objekte gibt, dann kommen wir dem daoistischen Ansatz schon etwas näher. Qi ist keine Substanz bzw. Superenergie, die im Körper neben Blut, Lymphe und Elektrizität vorhanden ist, in verborgenen Pfaden/Meridianen fließt und wir nur lernen müssen sie „anzuzapfen“.

Nein: Qi beschreibt jegliche Transformationsqualität, auch in unserem Körper und während unserer Bewegungen.

Es gibt den Spruch „Ich habe zu wenig Qi“. Damit ist demnach eher gemeint, dass für eine bestimmte Art von Transformation/Anpassung, welche notwendig wäre, zu wenig („Transformationsaktivität“) da ist. Genauso ist es im klassischen Sinne nicht hilfreich zu denken, dass mehr Qi besser wäre. Hier passt vielleicht der Spruch „Es passt nicht der Schuh am besten, der am größten ist, sondern der, der am besten passt.“

Genauso verhält es sich mit dem Qi. Ein Qi-Meister hat also nicht „größere Schuhe“ als andere. Er ist nur gemäß seinen Anforderungen entsprechen aktiv. Er begegnet diesen körperlichen und geistigen Anforderungen mit genau dem richtigen Maß an notwendiger Anpassung.

Kurz: Er tut das Richtige, im richtigen Moment und im richtigen Maße.

Um dieses richtige Maß und den richtigen Moment zu (er-)kennen braucht es ein gutes Gespür für sich und die Umwelt. Mein Lehrer meinte zu mir, dass es ein Hilfsmittel gibt, um dieses „Qi“ zu spüren: …Übung 😉. Und währenddessen natürlich achtsam sein… Wenn sich eine Übung/Bewegung richtig und wahrhaftig anfühlt, dann ist dies ein Zeichen, dass sich Körper und Geist zum richtigen Zeitpunkt in der richtigen Verfassung befinden - Qi.

So macht ein Spruch, den ich vor langer Zeit gehört habe nochmal mehr Sinn: „Iss, wenn du hungrig bist. Geh schlafen, wenn du müde bist. Kämpfe, wenn du kämpfen musst…“

Diese Erkenntnisse haben einen riesigen Einfluss auf Kampfkunst, Poesie, Meditation, Lebensweise und natürlich die Klassische Chinesische Medizin. Wenn sich jedes System permanent verändert in Abhängigkeit zu den jeweiligen Umgebungseinflüssen (welche auch der Veränderung unterworfen ist), wie äußert sich das in der jeweiligen Praxis? Und wie verändert sich dadurch der Alltag? Spannende Fragen, wie ich finde.

„Erkennst du klar, dass sich alle Dinge verändern, dann wirst du an nichts festhalten wollen“

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